Wer hat weltweit Einfluss? Keine Szenen, keine Schulen – dafür ganz viele einzelne Stars aus unterschiedlichen Fachbereichen. Das gilt für alle untersuchten Wissensgebiete. Bei der Religion fällt aber auf, dass besonders viele Denker in den Topplatzierungen des «Global Thought Leader»-Rankings vertreten sind:

– die Päpste Franziskus und Benedikt auf Platz 1 und 6,
– der Dalai Lama auf Platz 2, und
– auf Platz 4 der Vordenker der Atheisten, der britische Evolutionsbiologe Richard Dawkins.

Das Ranking untersucht mehr als 200 Denker aus aller Welt auf ihren Einfluss in der englischsprachigen, digitalen Infosphäre und aggregiert verschiedene Kriterien zu einer Thought Leader Gesamtwertung (ausführlicher zur Methode hier).

Religion ist Trumpf

Dass in dieser Rangliste das Schwergewicht auf der Religion liegt, drückt zum einen eine Stärke aus: Glaubensfragen sind ein globales Phänomen. Das Christentum als weltweit präsente Religion ist auch in der Lage, weltweit die intellektuellen und medialen Diskurse zu prägen. Weltweit – bis auf zwei Regionen: Im religionsfremden China und im vorwiegend muslimischen arabischen Kulturraum tauchen keine Päpste in der Rangliste der Einflussreichen auf; dafür stehen in der arabischen Wertung drei islamische Theologen auf den ersten drei Plätzen.

Stars anstatt Szenen

Aber in diesem Ergebnis zeigt sich auch eine Schwäche: Alle anderen Diskurse sind KEIN globales Phänomen. Ob Menschenrechte oder Klimawandel, Migration oder Digitalisierung, Krieg oder Frieden – kein Thema, kein Fachgebiet hat in den Vernetzungs-Analysen des GDI eine herausgehobene Stellung. Es sind einzelne Stars der jeweiligen Szenen, die im Thought Leader Netzwerk hervortreten: der russische Menschenrechts-Aktivist Garry Kasparov (Platz 3), der Klima-Aufklärer Al Gore (Platz 10), der Physiker Stephen Hawking (Platz 15) oder die Schimpansen-Verhaltensforscherin Jane Goodall (Platz 19). Sie können als Einzelpersonen weit über ihr eigentliches Fachgebiet hinaus Wirkung entfalten – aber globale Beziehungsnetze, die eine besondere Bedeutung des jeweiligen Fachgebietes belegen könnten, entstehen daraus nicht; beziehungsweise nur bei der Religion.

Keine Trumps und Buffets

Eine ganze Reihe von einflussreichen Menschen fehlt in der GDI-Rangliste: nämlich die Mächtigen – die Trumps, die Merkels, die Zuckerbergs, die Buffetts. Denn nicht in die Wertung aufgenommen wurden all diejenigen, deren Einfluss nicht so sehr auf ihre Gedanken, sondern auf ihre Position zurückzuführen ist. Das betrifft zum einen alle aktiven Politiker und zum anderen (fast) alle Manager und Unternehmer. Ausnahmen bestätigen in diesem Fall die Regel: Elon Musk (Platz 21) beispielsweise wirkt eher durch seine Visionen (wie Hyperloop und Marsrakete) als durch seine Produkte (Tesla). Ehemalige Politiker wie der ehemalige US-Vizepräsident Al Gore (Platz 10) oder die ehemalige irische Staatspräsidentin Mary Robinson (Platz 7) konnten sich meist als Kandidaten qualifizieren. Für den Ex-US-Präsidenten Bill Clinton galt das diesmal nicht: Er machte schliesslich im Jahr 2016 nicht so sehr durch die Gedanken eines Elder Statesman von sich reden, sondern als potenzieller First Gentleman einer Präsidentin Hillary Clinton. Nun ja: Im nächsten Jahr können wohl beide Clintons – als nicht mehr aktive Politiker – in der Thought Leader Analyse berücksichtigt werden.

Harvard machts möglich

Gibt es denn einen Tipp, wie man am ehesten ein solcher Global Thought Leader werden könnte – ohne sich zum Papst wählen zu lassen? Der vermutlich einfachste Weg führt nach Harvard. Keine andere Universität taucht nämlich auch nur ansatzweise so häufig im Lebenslauf der wichtigsten Ideengeber auf wie die Elite-Schmiede in der Nähe von Boston. 50 der insgesamt 223 untersuchten Vordenker haben in Harvard entweder studiert oder gelehrt – oder beides. Die nächstplatzierten Universitäten, das englische Oxford und das US-Technikerparadies MIT, bringen es gerade mal auf halb so viele Nennungen in den Lebensläufen der Global Thought Leader.